Zusammen wachsen

Ballettdirektorin Xenia Wiest blickt im Interview mit Dramaturg Philipp Amelungsen auf ihre erste Spielzeit zurück und gibt Einblicke in die neue Saison.

Philipp Amelungsen Xenia, vor genau einem Jahr haben wir ein Gespräch geführt und über den gemeinsamen Start, deine erste abendfüllende Choreografie Nacht ohne Morgen und die neue Company gesprochen. Da lag natürlich viel Aufregung in der Luft. Wie geht es dir heute?
Xenia Wiest Das war zu Beginn alles eine große Überwältigung. Meine erste Stelle als Spartenleiterin und Chefchoreografin, neues Haus, neues Team, meine eigene Company. Alle kommen aus unterschiedlichsten Bereichen mit verschiedensten Kompetenzen, da mussten wir uns erstmal zurechtfinden. Und die Zeit bis zur ersten Premiere war echt knapp! Wird die Kreation rechtzeitig fertig? Schaffe ich es, die Tänzer:innen zu einem Team zu formen und sie in guter Qualität auf die Bühne zu bringen? Ich war so erleichtert, als die Premiere vorbei und der Applaus herzlich und begeistert war. Zwischendurch habe ich ja gedacht: „Was für ein Akt. Warum genau wolltest du das nochmal machen?“ Dann aber mit dem Team dazustehen, das geschafft zu haben, das war wie ein Rausch. Und jetzt sitze ich hier: Wir haben all unsere Premieren erfolgreich rausgebracht und ich bin total glücklich, denn viele meiner Träume sind in Erfüllung gegangen.


PA Welche Träume sind denn in Erfüllung gegangen?
XW Ich bin sehr froh, dass wir es geschafft haben regelmäßig Gasttrainer:innen einzuladen und auch zu finanzieren. Das bringt unterschiedliche Handschriften und Arbeitsweisen in die Company, tut dem Klima im Team gut und ich sehe wahnsinnige Fortschritte bei den Tänzer:innen, und das nach erst neun Monaten. Und wir hatten keine größeren Verletzungen. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich und liegt vor allem an unserem Gesundheits-Coach Andrea Mazza. Diese Stelle musste ich wirklich erkämpfen und es ist ein großer Erfolg, dass Andrea uns in der
täglichen Arbeit begleitet und sich intensiv um die Gesundheit und Fitness der Company kümmert. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, denn wir sind eben nicht nur Kunstschaffende, sondern auch Hochleistungssportler:innen.

Ein Tänzer:innenpaar tanzt eine moderne Choreografie auf der Bühne im Großen Haus.

PA Wie geht es weiter mit dem Ballett X? Ich glaube du hast noch viel vor …
XW Jetzt legen wir erst richtig los. Wir sind angekommen, im Theater und in der Stadt. Jetzt wollen wir zusammen wachsen, haben Lust neue künstlerische Formen und Formate zu erproben und natürlich den Kontakt zu unserem Publikum zu intensivieren. Gleichzeitig geht es um Kontinuität in unserer Arbeit und der choreografischen Qualität. Ich hoffe, dass wir noch mehr Menschen für Tanz und Ballett begeistern können. Wir möchten zeigen, dass Ballett nicht elitär, sondern für alle Menschen ganz unmittelbar emotional zugänglich ist. Tanz ist Soulfood und wir möchten alle einladen, sich mit uns an den gedeckten Tisch zu setzten. Deshalb freuen wir uns besonders auf die neue Spielstätte auf dem Dreesch. Mit unseren Tanzkulturen wollen wir neue Begegnungen stiften. Hier laden wir Choreograf:innen aus allen Himmelsrichtungen ein, mit unserer internationalen Company Geschichten über kulturelle Vielfalt zu erzählen.


PA Und dann gibt es noch aufregende Gastchoreografen und ein neues Handlungsballett von dir …
XW Ja, das ist richtig. Ich bin wirklich glücklich, dass wir Marco Goecke als Choreografen gewinnen konnten. Im Rahmen des dreiteiligen Ballettabends Dancing Souls, mit dem wir die Spielzeit eröffnen, wird er eine Choreografie beisteuern. Marco ist ein enger Weggefährte, der mich in meiner eigenen künstlerischen Formsprache geprägt hat, darüber hinaus ist sein expressiver und energetischer Stil eine bereichernde Farbe für die Company. Und es ist natürlich grandios, dass so ein international renommierter Choreograf eine seiner Arbeiten bei uns in Schwerin zeigt.
Und dann kreiere ich die berühmte Erzählung Der kleine Prinz als Handlungsballett. Das Buch habe ich als Kind gelesen und es berührt mich auch heute noch als eine kluge Parabel über die existentiellen Fragen des Lebens. Ich finde wir sind manchmal so voreingenommen, wie man in der Gesellschaft zu sein hat, dass man diese naive Freude verliert. In der heutigen Welt sind Dinge wie Status, Macht, Materielles viel wichtiger als „Was mag ich?“, „Bin ich glücklich?“, „Mit was bin ich glücklich?“. Ich glaube, andere Werte nehmen viel mehr Platz ein als das, um was es im Leben geht.

 

PA Und Schwerin? Bist du angekommen in der neuen Stadt?
XW Schwerin ist klein, aber fein. Das habe ich in diesem ersten Jahr wirklich zu schätzen gelernt. Ich habe hier tolle Menschen mit denen ich arbeite und meinen Mann, der mich wirklich unglaublich unterstützt. Und Schwerin hat einfach so schöne Ecken. Ich liebe es im Café Fuchs zu sitzen oder den Franzosenweg entlang zu radeln. Und ich bin gespannt, was ich in der kommenden Spielzeit Neues entdecken kann.

 

Veröffentlicht im Juli 2022

Die Produktionen des Ballett X Schwerin in der Spielzeit 2022/2023

Dancing Souls
Dreiteiliger Ballettabend
mit Choreografien von Xenia Wiest und Marco Goecke
mit Musik von Peer Baierlein, Nina Simone & Patrick Soluri

Premiere: 28. Oktober 2022

 

 

Tanzkulturen
Vier neue Choreografien aus vier Himmelsrichtungen

Premiere: 3. März 2023

 

 

Uraufführung
Der kleine Prinz
Ballett von Xenia Wiest
mit einer Auftragskomposition von Peer Baierlein für die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin

Premiere: 28. April 2023

Schlossfestspiele Schwerin 2023
Ballettgala: Connexion
Chefchoreografin Xenia Wiest lädt die internationale Ballettwelt nach Schwerin ein

Premiere: 22. Juni 2023

 

 

Wiederaufnahme

 

Nacht ohne Morgen
Ballett von Xenia Wiest
Musik von Philipp Glass, Camille Saint-Saëns, Patrick Soluri

Wiederaufnahme: 9. Oktober 2022

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