Rebekka Kricheldorf über ihre Komödie "Villa Dolorosa"

Die Dramatikerin Rebekka Kricheldorf

Foto: Robert Frank

 

Sich selbst im Weg

Jennifer Bischoff im Gespräch mit der Dramatikerin und Villa Dolorosa-Autorin Rebekka Kricheldorf

 

Jennifer Bischoff: Was hat dich an „Drei Schwestern“ gereizt, wie kamst du auf die Idee, Tschechows Stück zu überschreiben?

Rebekka Kricheldorf: Ich bin ein großer Tschechow-Fan, was der Unternehmung erstmal ein bisschen im Weg stand, da zu viel Ehrfurcht davon abhält, sich das Material beherzt vorzunehmen und nach eigenem Gutdünken umzuformen. Ich finde, der Zustand einer durchschnittlichen Tschechow-Figur hat sehr viel mit uns heute zu tun, diese Trägheit, dieser Hang zum Nichtstun und Philosophieren, die Fragen nach Arbeit und Müßiggang, diese leise komödiantisch gebrochene Melancholie... Zeit vergeht, das Leben zieht an einem vorüber, man hängt im Garten rum und labert, analysiert seinen Seelenzustand und kommt vor lauter Selbstbespiegelung nicht zur Tat. Ich hatte das Bedürfnis, diese Themen aufzugreifen und noch etwas zeitgemäß zu radikalisieren, also z.B. alle Hindernisse, die bei Tschechow noch von außen kommen, ins Innere der Figuren zu verlegen. Den Original-Schwestern steht noch die gesellschaftliche Konvention im Weg, die sie als Frauen von den Entscheidungen des Bruders abhängig macht, so dass ihr Sehnsuchtsseufzer „Nach Moskau!“ unerfüllt verhallen muss. Bei mir stehen sie sich vor allem selbst im Weg.

 

JB: Warum der Titel „Villa Dolorosa“?

RK: Der Titel ist ein Wortspiel mit „Via Dolorosa“, dem Leidensweg Christi. Das fand ich sehr passend, da sich alle Figuren im Stück ja voll Inbrunst ins Leiden werfen und das auch lautstark verbalisieren. Diese Form des ausgestellten Lebensleids hat für mich auch was von einer Performance. Das Zurschaustellen des Leids bekommt etwas Identitätsstiftendes; man zieht auch einen gewissen Lustgewinn daraus.

 

JB: Das Stück wurde 2009 am Schauspielhaus Jena uraufgeführt. Wie geht es dir heute mit deinem Text? Verändert sich das Verhältnis zum eigenen Werk?

RK: „Villa Dolorosa“ ist mit Abstand mein meistgespieltes Stück und auch dasjenige, von dem ich die meisten fremdsprachigen Inszenierungen gesehen habe. Ich bin dem Stück ein bisschen hinterher gereist und war freudig überrascht, dass die argentinischen, französischen, kanadischen Versionen von Mascha, Olga, Irina und den anderen in all ihren kleinen Unterschieden doch sehr viel gemeinsam haben. Natürlich denkt man nach zwölf Jahren bei der einen oder anderen Textstelle, heute würde ich das ein bisschen anders formulieren, mich da und dort kürzer fassen. Aber im Großen und Ganzen ist es ein Stück, hinter dem ich immer noch stehe. Ich finde, es ist ganz gut gealtert, was man nicht von allen meinen Stücken sagen kann.

 

JB: Hast du so etwas wie eine „Lieblingsfigur“ in deinen Stücken/in Villa Dolorosa?

RK: Ich bemühe mich, alle meine Figuren, auch wenn sie manchmal sehr weit weg von mir selbst sind, so zu gestalten, dass ich sie immer auch irgendwo verstehen kann. Ich habe je nach Inszenierung immer wechselnde Favoriten, wenn es Schauspieler oder Schauspielerinnen gibt, denen ich in einer Rolle besonders gern zusehe. Aber grundsätzlich versuche ich, ganz wie liebevolle Eltern, keinen zu bevorzugen.

 

JB: Was macht für dich eine gute Komödie aus?

RK: Dass sie im Kern einer Tragik entspringt. Dass sie ein bisschen weh tut. Und: Das gute, alte Timing.

 

JB: Wie findest du deine Themen/Stoffen? Was inspiriert dich?

RK: Eigentlich alles! Alles Verstörende, Unklare, Traurige oder Komische, das mir im Leben begegnet. In mir selbst, meinem Umfeld, der Gesellschaft, der Literatur, der Popkultur.

 

JB: Schreiben Frauen andere Komödien als Männer?

RK: Ich finde das Konzept einer Genderdifferenz im Schreiben höchst problematisch. Es spiegelt auch nicht meine Erfahrung wider. Es gibt sicher Leute, die ein besseres Gespür fürs Komische haben als andere, aber das lässt sich nicht am Geschlecht festmachen. Vielleicht machen Frauen und Männer in manchen Bereichen andere Erfahrungen. Aber wie man diese Erfahrung komödiantisch nutzt, halte ich für geschlechtsneutral. Oder eben sehr individuell.

 

JB: Mit Humor die Welt retten? – Welches Protestpotential steckt für dich in der Komik?

RK: Ich glaube schon, dass die Komik als Waffe der Machtlosen eine gewisse subversive Kraft entfalten kann. Sie kann vielleicht nicht die Welt retten, aber durch das Verdeutlichen von Missständen und Auslachen und Demaskieren der Mächtigen etwas zur Aufklärung beitragen.

 

JB: Was wünschst du dir vom Theater?

RK: Etwas mehr Mut zum Widerstand gegen die Marktkonformität. Etwas mehr Mut zum Erzählen von kontroversen, ambivalenten Geschichten. Etwas mehr Mut, nicht immer tagespolitisch relevant sein zu wollen, sondern auch mal wild anarchisch unterhaltsam.

 

JB: Du hast gerade mit „Lustprinzip“ deinen ersten Roman veröffentlicht. Gibt es für dich einen grundlegenden Unterschied beim Schreiben von Theaterstück und Roman?

RK: Der größte Unterschied war für mich der, dass ich, quasi von Regie, Schauspiel und Bühnenbild allein gelassen, eine ganze Welt aus Sprache entwerfen musste oder eben durfte. Diese Freiheit war reizvoll, aber auch sehr neu für mich. Andererseits mag ich auch das Schreiben eines Texts als Teil eines gemeinsamen Kunstwerks, wie es das Schreiben eines Theaterstücks ja darstellt. Also, ich werde wohl in Zukunft beides weiterverfolgen!

 

JB: Welches Thema würde dich für eine zukünftige Arbeit besonders reizen? 

RK: Ach, da gibt es so einige Themen, die noch auf Bearbeitung warten! Eines meiner am längsten gehegten und nie angegangenen Lieblingsprojekte wäre eine umfangreiche Historienfarce über das Leben Casanovas. Na ja, mal sehen, vielleicht nehme ich das irgendwann mal in Angriff.

 

Zum Stück Villa Dolorosa

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