Oben, Unten und das Dazwischen

Der Begriff Klassismus bezeichnet heute die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres sozialen Status'. Ein modernes Wort - doch eine alte Problematik, zu deren Diskussion schon Gerhart Hauptmanns Die Weber  anregt.

Schauspieldramaturgin Katharina Nay über Gerhart Hauptmanns Die Weber  und Klassismus

Unter dem heutigen Begriff des Klassismus wird die Diskriminierung und Unterdrückung von Menschen aufgrund ihres vermuteten oder wirklichen sozialen Status' gefasst und diskutiert, wodurch sozialer Aufstieg gebremst wird bzw. wie er zukünftig gelingen kann. Davon war die Gesellschaft zu Gerhart Hauptmanns Lebzeiten noch weit entfernt. Dabei ließen sich die durch die industrielle Revolution verstärkten Klassenunterschiede bereits deutlich erkennen. Und als ein Vertreter des Naturalismus formte Hauptmann aus seinen Beobachtungen um 1892 das Theaterstück Die Weber.


Im niederschlesischen Obersalzbrunn, wo Hauptmanns Eltern ein Hotel betreiben, wird er als jüngstes von vier Kindern geboren. Die Eignungsprüfung für die Realschule in Breslau besteht er nur knapp, muss eine Klasse wiederholen und bricht die anschließende Lehre auf dem Gutshof seines Onkels bereits nach anderthalb Jahren ab. So beginnt eine wenig erfolgversprechende Biographie, in deren weiterem Verlauf der Beschriebene schließlich unter anderem einen Literaturnobelpreis erhält und ein Lebenswerk hinterlässt, das neben Prosa und Lyrik auch Gemälde umfasst.


Wer hätte das gedacht. Schon in der Schule bemerkt Hauptmann die Besserbehandlung seiner adligen Mitschüler:innen. Vielleicht legen die Erlebnisse dieser Zeit den Grundstein für das spätere Ausstellen und Anprangern klassenbedingter Unterschiede und Ungerechtigkeit. Vielleicht schärft sich in der prägenden Zeit zwischen Kindheit und Adoleszenz der Blick für die Gesellschaftsprobleme seiner Zeit. Die Neigung zur Gesellschafts- und Naturbeobachtung mag in der Biografie eines Jungen, der weniger zur physischen Arbeit taugt, angelegt sein oder nicht, die Fähigkeit zum genauen Hinschauen, Begreifen und Wiedergeben des Gesehenen machen ihn später zu einem bedeutenden Vertreter des Naturalismus. In seinem Stück Die Weber befasst sich Hauptmann mit einer Berufsgruppe der Arbeiterschicht und beschreibt ihr Leid stellvertretend für das Leid einer gesellschaftlichen Klasse, die zu den Verlierern der Industrialisierung zählt.

Szenenfoto aus Die Weber:innen

Obwohl der spätere Dramatiker 18 Jahre nach dem Aufstand der schlesischen Weber:innen geboren wird, schreibt er, wenn auch aus historischer Distanz, so doch nicht aus dem sogenannten Elfenbeinturm heraus. Seine Herangehensweise ist deshalb nicht vermessen, weil er sich dort, wo er wertet, auf die Seite der Notleidenden stellt. Und weil er akribisch recherchiert und das – für damalige Zeiten durchaus ungewöhnlich – persönlich und vor Ort. Nach der Niederschlagung des Aufstands 1844 bleibt der erhoffte Strukturwandel aus und in Schlesien alles beim Alten. Als Hauptmann 53 Jahre später die Orte der Geschehnisse besucht, kann er sich ein genaues Bild vom andauernden Leid der Weber:innen machen und mit Menschen sprechen, die den Aufstand überlebt haben. Der Theatermacher zeigt sich solidarisch mit den Unterdrückten, indem er versucht ihr Leid möglichst genau nachzuzeichnen. Und er hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Er gibt einem Zustand die Bühne, vor dem so gerne die Augen verschlossen werden und leicht geschlossen werden können.

Auf diese Art schafft Hauptmann klassenübergreifend und massenkompatibel eine Diskussionsgrundlage und leistet wichtige Aufklärungsarbeit. Von diesem Schaffen unterscheidet sich das Schreiben heutiger Autor:innen wie Francis Seeck kaum, wenn sie in Klasse und Kampf von ihren Erfahrungen berichtet und an die Leserschaft appelliert: „Lasst uns unsere Klassengeschichten erzählen – in all ihrer Komplexität, mit all ihren Klischees. […] Wir sollten uns nicht spalten lassen in die guten und die schlechten Armen, die guten und die schlechten Arbeiter:innen“. Francis Seeck ist nur eine von vielen Stimmen in dem Band, der aktuelle Essays zum Thema Klassismus vereint, aber ihr Plädoyer für Solidarität hätte Gerhart Hauptmann sicher gefallen.

 

Zur Inszenierung Die Weber:innen

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