Ein Stück als Stolperstein: Ünnerste Schuuwlaad links

(c) Silke Winkler

„HIER WOHNTE / NATHAN LEVIN / JG. 1880 / UNFREIWILLIG VERZOGEN / 1943 SCHWERIN / FLUCHT 1943 / SCHWEDEN – USA / ÜBERLEBT“ – So würde sich der Stolperstein lesen. Und so könnten ihn Susan und Jörn im Bürgersteigpflaster einer mecklenburgischen Kleinstadt setzen lassen. Für den jüdischen Antiquar, den ihre Urgroßmutter auf der Flucht versteckte, nachdem ihr Mann als überzeugter Nazi in Stalingrad fiel. Dinge von denen beide Nachkommen keine Ahnung hatten, von denen sie nun aber rätselhafte Spuren finden: Unter anderem einen Schuhkarton voller Geld und ein altes Bändchen von Lessings Nathan der Weise, das die Uroma so liebte. All das hätten ihre zwei Urenkel:innen kürzlich erst in ihrem Nachlass entdeckt: in der untersten Schublade links. – Wenn dieser Nathan Levin je existiert hätte.

 

Denn der jüdische Flüchtling ist – so wie die Uroma als junge Kriegswitwe – auch bloß eine Imagination der beiden Geschwister, die der dänische Theaterautor Michael Ramløse ihrerseits als Bühnenfiguren auf eine Reise in die Familiengeschichte schickt. Und indem die erfundenen Erben mit den Fundstücken auf dem Dachboden durchspielen, wie es wohl gewesen sein mag, werden die Menschen von einst und die Figuren aus dem Klassiker wieder so lebendig, wie die Schicksale hinter den Stolpersteinen in unseren Straßen.

 

Mehr als eine halbe Million Jüd:innen lebten bei Machtübernahme Hitlers und der NSDAP im damaligen Deutschen Reich, 151 davon wohnten damals in Schwerin. Ca. 300.000 Jüd:innen gelang noch die Flucht aus Deutschland, darunter vielleicht rund 100 Schweriner:innen. Unmittelbar nach der Befreiung 1945 lebten in den vier Besatzungszonen noch um die 15.000 Jüd:innen, bis dahin versteckt oder geduldet in sogenannter ‚privilegierter Mischehe‘. In Schwerin waren es nur noch Sieben.

 

Aber sechs Millionen europäische Jüd:innen wurden durch die Nazis ermordet, darunter 160.000 deutsche und davon über 40 Schweriner Mitbürger:innen. Vielerorts in die Schweriner Trottoirs eingelassen, finden sich mittlerweile 89 Stolpersteine zum Gedenken an Menschen, die von dort, wo sie ihre letzten, freiwillig gewählten Wohnsitze genommen hatten, vertrieben, enteignet, deportiert und ermordet wurden, einzig und allein aufgrund der ihnen zugeschriebenen Identität.

 

Unter schwierigen Bedingungen bekannten sich 1948 zwar wieder 18 Schweriner Mitglieder zur jüdischen Kultusvereinigung für Mecklenburg-Vorpommern, Deren Zahl aber schmolz durch erneute Flucht und Überalterung zum Ende der 1980er Jahre auf nur noch drei Personen zusammen. Erst nach der deutsch-deutschen Vereinigung, mit dem Zuzug jüdischer Kontingentflüchtlinge aus den ehemaligen Sowjetrepubliken wuchs wieder jüdisches Leben in der Landeshauptstadt, und so konnte 1994 wieder eine neue Gemeinde gegründet werden. Rund um das neuerrichtete Gemeindezentrum am Schlachtermarkt zählt die Jüdische Gemeinde Schwerin heute mit über tausend Mitgliedern wieder zu den größten Gemeinden in Ostddeutschland.

 

Zum Festjahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland fragt die Fritz-Reuter-Bühne mit Ünnerste Schuuwlaad links in der Regionalsprache nicht nur nach denen, die verschwunden sind, sondern will auch ins Gespräch kommen, mit all denen die längst wieder da sind. Als Schulstück konzipiert, ist es für den Unterricht in den Fächern Deutsch, Niederdeutsch, Geschichte, Religion und Darstellendes Spiel ab Klasse 5 geeignet und kommt auf Anfrage in jede Schule.

 

In einer Kooperation hat sich die Jüdische Gemeinde Schwerin dankenswerterweise gerne bereit erklärt, Nachgespräche zu den Vorstellungen zu begleiten. Auch damit wird jüdisches Leben wieder ein bedeutender Teil von Schwerin. – Jüdische Identität passt ja bestens in eine Stadtgesellschaft, deren Heimat vor über tausend Jahren erstmals von einem jüdischen Reisenden aus dem Kalifat Córdoba beschrieben wurde und so überhaupt erst auf der europäischen Landkarte erschien.

 

Das Stück ist als mobile Produktion für Gruppen und Schulklassen buchbar. Hier gibt es weitere Informationen.

 

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