Die Weber - was?!

Theaterarbeit bedeutet auch, die überlieferten Geschichten in einen Bezug zur aktuellen Zeit zu setzen. Katharina Nay, Dramaturgin der Inszenierung Die Weber:innen, über die Entscheidung, den Titel von Gerhart Hauptmanns Stück zu gendern

 

Es ist erstaunlich, was ein kleines Satzzeichen auszulösen vermag. Ein Sternchen zum Beispiel, ein Unterstrich oder ein Doppelpunkt lösen heute mitunter eine ganze Kaskade an Fragen aus und lassen überraschende Berührungsängste zutage treten. Seit geraumer Zeit werden diese Satzzeichen innerhalb eines Nomens verwendet, um anzuzeigen, dass Menschen jedweden Geschlechts gemeint sind.

 

Nicht ahnend was es auslösen würde, entschied sich das künstlerische Team für eine Anpassung des Stücktitels vom ursprünglichen Die Weber hin zu Die Weber:innen. Mit Veröffentlichung begannen die Fragen. Manche hinter vorgehaltener Hand, manche laut und verärgert. Ob das wirklich sein müsse? Was das denn solle? Ob das nicht übertrieben sei? Manche taten sich schwer mit der kleinen Pause zwischen „Weber“ und „innen“, die das eingefügte Satzzeichen beim Sprechen markiert. Manche begleiteten das Aussprechen des Titels mit einem Lächeln, das höfliches Entgegenkommen signalisierte, aber deutlich erkennen ließ, dass der gegenderte Titel als unnötig empfunden wurde. In steter Regelmäßigkeit wurden Fragen kolportiert, die vorab zu klären versuchten, ob etwa während der gesamten Vorstellung gegendert würde und ob das so im Sinne des Autors sei.

 

 

Schauspielerin Christina Berger auf der Bühne in Die Weber:innen.
In der Inszenierung von Helge Schmidt werden die titelgebenden Weber:innen von männlichen und weiblichen Darsteller:innen gespielt.

Die Frage, ob ein gegenderter Titel im Sinne des Autors sei, lässt sich mit dem Urheber über 75 Jahre nach seinem Tod leider nicht mehr persönlich klären. Fakt ist, dass heute ein sprachliches Mittel zur Verfügung steht, um Fakten zu benennen, die bereits sehr viel länger Bestand haben. Die prekären Lebensumstände in Schlesien, die Gerhart Hauptmann in seinem Stück anprangert, betrafen nicht nur männliche Weber, sondern auch Frauen und Kinder. Und ggf. auch Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizierten, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde. Diese Tatsache ließ sich in der damaligen Zeit weder schriftlich noch sprachlich abbilden und da es heutzutage möglich ist, ist es nur folgerichtig davon Gebrauch zu machen.

 

Was das soll? Es ist sicherlich nicht als Provokation gemeint, sondern benennt schlicht den Fakt, dass die Welt aus mehr als einem im deutschen Sprachgebrauch dominanten männlichen Geschlecht besteht. Die Frage, ob das übertrieben sei, wird jede:r ihrem bzw. seinem persönlichen Geschmack entsprechend unterschiedlich beantworten. Von einer Ausdrucksmöglichkeit keinen Gebrauch zu machen, obwohl sie zur Verfügung steht, bedeutet auch sich einer Entwicklung zu verweigern, sich an dem Früher-war-das-auch-nicht-nötig festzuhalten. Die Geschichte zeigt, dass pauschal weder alles besser, noch alles schlechter war. Dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen und Zusammenhänge differenziert zu beschreiben.

 

Da Theaterarbeit bedeutet, sowohl die aktuellen Geschehnisse als auch die überlieferten Geschichten zu befragen und in einen Bezug zur aktuellen Zeit zu setzen, stellte sich im Fall von Gerhart Hauptmanns Stück neben der Frage nach dem Umgang mit dem Titel auch die nach einem Umgang mit dem Text selbst. All diejenigen, die (sich) besorgt fragen, ob während der gesamten Vorstellung gegendert wird, werden beruhigt feststellen, dass dem nicht so ist. Auf Gedeih und Verderb zu gendern ginge ebenso an der Sache vorbei, wie das heute zur Verfügung stehende Vokabular aus Unwissenheit, Ignoranz oder Trotz grundsätzlich zu verweigern. Die Entscheidung, ob gegendert wird, ist abhängig von vielen Faktoren und lässt sich nicht für alle Figuren oder gar eine Inszenierung pauschal beantworten, sondern es gilt jeden einzelnen Satz zu prüfen und eine Entscheidung im Sinne der Figur und/oder der intendierten Aussage des Stücks zu treffen.

 

Die Entscheidung, ob und wenn ja, an welcher Stelle gegendert wird, ist also nicht leichtfertig zu treffen. Dort, wo der Doppelpunkt, das Sternchen oder der Unterstrich Verwendung finden, machen sie einen Teil der komplexen Verhältnisse sichtbar, die faktisch bestehen. Im Übrigen verhält es sich mit dem Gendern wie mit jeder Neuerung – man muss sich (nur) an sie gewöhnen.

Zurück